Drei beliebte Weihnachtsgedichte

von Mattias Winter und Fabian Lugauer

1.

Weihnachten

von Joseph von Eichendorff

 

Markt und Straßen stehn verlassen,

still erleutchtet jedes Haus,

sinnend geh ich durch die Gasen,

alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen

Buntes Spielzeug from geschmückt,

tausend kindlein stehn und schauen,

sind so wunderstill beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern 

bis hinaus ins frei Feld,

Hehres Glänzen heil'ges Schauern !

Wie so weit und still die Welt !

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,

Aus des Schneees Einsamkeit

Steigt's wie wunderbares Singen -

O du gnadenreiche Zeit !

2.

Advent

von Rainer Maria Rilke

Es treibt der Wind im Winterwalde

Die Flockenherde wie ein Hirt,

Und manche Tanne ahnt, wie balde

Sie fromm und lichterheilig wird,

Und lauscht hinaus. Den weißen Wegen

Streckt sie die Zweige hin- bereit,

Und wehrt dem Wind und wächst entgegen

Der einen Nacht der Herrlichkeit.

3.

Alles still!

von Theodor Fontane

Alles still! Es tanzt den Reigen 

Mondenstrahl in Wald und Flur,

Und darüber thront das Schweigen

Und der Winterhimmel nur.

 

Alles still! Vergeblich lauschet

Man der Krähe heisrem Schrei.

Keiner Fichte Wipfel rauschet,

und kein Bächlein summt vorbei.

 

Alles still! Die Dorfeshütten

Sind wie Gräber anzusehn,

Die, von Schnee bedeckt, inmitten

Eines weiten Friedhofs stehn.

 

Alles still! Nichts hör ich klopfen

Als mein Herze durch die Nacht-

Heiße Tränen niedertropfen

Auf die kalte Winterpracht.